Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe

Oscar Wilde lebt! – Jahre nach seinem Tod lässt er Peter Vane in Träumen und bei Scéancen im Haus der berühmten Spiritistin Hester Dowden geheimnisvolle Nachrichten zukommen. Vane sitzt Tag für Tag an seiner Dissertation über Riemanns Geometrie. Und kann glauben, was mit ihm geschieht. Was hat sich da in seinen Kopf geschlichen? Was hat es mit dem vierjährigen Mädchen auf sich, von dem er nur ein Foto besitzt, das ihm der verwundete Kriegskamerad Finley vor seinem endgültigen Verschwinden im Schützengraben noch zugesteckt hat? Unmittelbar vor dem Abtransport vom Weltkriegsschlachtfeld in der Nähe von Compiégne?

Es dauert Jahre, bis Vane erfährt, dass das Foto den vierjährigen Oscar Wilde in Mädchenkleidern zeigt. Bis es soweit ist, muss Vane einige Experimente bei spiritistischen Sitzungen über sich ergehen lassen, einer krude daherredenden burmesischen Prinzessin zuhören, chinesische Opiumhändler und altehrwürdige englische Herrenclubs aufsuchen und in einem ganz besonderen Buchantiquariat Unglaubliches über Oscar Wilde erfahren. Immer in Begleitung von Dolly, der Nichte des berühmt-berüchtigten irischen Autors.

Die Leser von Pechmanns Roman befinden sich im London der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts: Nebel, Tee, Geheimgesellschaften … In jedem Augenblick könnten Bram Stoker oder Arthur Conan Doyle um die Ecke des nächstgelegenen Hauses spazieren.

Weltentrückt und gleichzeitig aktuell und diesseitig liest sich diese Hommage an die Schauer- und Gruselgeschichten des frühen letzten Jahrhunderts.

Alexander Pechmann, der Lovecraft, Poe, Stevenson, Le Fanu und andere Klassiker der Horrorliteratur übersetzt hat, sagt über sein Schreiben: Die großen Autoren, deren Werke ich übersetzen durfte, sind für mich fast unerreichbare Vorbilder. Ich versuche nicht, sie zu imitieren, sondern etwas Neues zu schaffen, das Lesern, die wie ich mit diesen fantastischen Klassikern aufgewachsen sind, möglichst jenen sinnlichen Lesegenuss bereitet, den ein moderner, realistischer Stoff selten bieten kann. (Steidl-Vorschau/Frühjahr 2019, S. 8)

In seinem Roman Die Nebelkrähe wird der Autor dem an sich selbst gerichteten Anspruch gerecht. Wir gehen davon aus, dass alle Spukphänomene Halluzinationen, alle Spiritisten Betrüger und alle Krähen schwarz sind. Doch um die letzte Behauptung zu widerlegen, braucht es nur eine einzige weiße Krähe. 

Am Ende des Romans ist die Nebelkrähe weiß.

© Peter Cremer

Steidl Verlag, 2019

ISBN: 978-3-95829-583-4 

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