Han Kang: Deine kalten Hände

Han Kang: Deine kalten Hände

Kunst – Korea – Kang. Nein, so geht das nicht.

Vielleicht so: Sonderbarer Regen. Sonderbare Frau. Sonderbare Nacht.

Nein, so auch nicht. Dann eben so:

Lieber M. – Es ist einige Wochen her, dass ich dich um die Zusendung des Leseexemplars von Han Kangs neuem Roman gebeten habe. Du wartest also schon recht lange auf meine Rückmeldung. Heute bin ich endlich soweit, dass ich dir antworten kann. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin begeistert von Deine kalten Hände. Nach dem verstörenden Meisterwerk Die Vegetarierin macht Han Kang es mir mit ihrem aktuellen Roman leicht. Für ihren Künstlerroman, der auch ein Liebesroman ist, möchte ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

Eine Schriftstellerin erhält ein biographisches Tagebuch-Manuskript zur Prüfung. Anlässlich einer von ihr besuchten Theateraufführung ist die Autorin weniger von der Aufführung als vielmehr von den merkwürdigen Gipsfiguren des Bühnenbildners fasziniert. Sie führt sogar ein kurzes Gespräch mit dem Künstler, dem Bildhauer Jang Unhyong. Monate später erfährt sie von dessen spurlosem Verschwinden und davon, dass er ein Manuskript mit dem Titel ‘Ihre kalten Hände’ hinterlassen hat. Die Schwester des Bildhauers schickt dieses Manuskript an die Autorin mit der Bitte, irgendetwas dazu zu sagen. Was Ihnen einfällt, egal, was. Ein winziger Anhaltspunkt. Es ist auch nicht schlimm, wenn es mir bei der Suche nach meinem Bruder nicht weiterhilft. Ich möchte ihn nur ein einziges Mal verstehen können. (S.21)

Zunächst ist die Schriftstellerin unentschlossen und will der Bitte nicht nachkommen, hatte sie doch nur ganz kurz Kontakt mit dem Bildhauer. Doch dann beginnt sie zu lesen. Und wir mit ihr. Den Roman, der später heißen wird: Deine kalten Hände.

Dieser Roman erzählt die Autobiographie Jang Unhyongs. Sein Aufwachsen in einer südkoreanischen Mittelschichtsfamilie, sein Leben mit den Eltern und den beiden ungleichen Schwestern, seine Schulzeit, seine Studienzeit, seine Liaison mit L., seine Beziehung zu E. Wir erfahren von der Gefühlskälte der Mutter, der autoritären Fremdheit des Vaters, von den Krankheiten L.s (zuerst Fettsucht, später Bulimie), der Versehrtheit E.s, die als Kind Sechsfingerchen genannt wurde. Einsamkeit, Besessenheit, Liebe, Fremdheit bestimmen Jangs Existenz. Und natürlich die Arbeit als Künstler, in der er mit unglaublichen Gipsarbeiten seine Sicht des Lebens abbildet. So entstehen vergängliche, brüchige Skulpturen und Abdrücke, die er von Händen (immer wieder und immer mehr), Brüsten, Lenden, Bäuchen, Gesichtern, schließlich von ganzen Körpern macht und Hohlformen, die irgendwann einmal sein Sarg sein sollen. Im Südkorea der Gegenwart, in Gwangju, in Seoul.

Lieber M., in der Musik hat sich ja längst der Begriff ‘Welt-Musik’ etabliert. Den möchte ich gleichsam auf Han Kangs Deine kalten Hände übertragen: Sie schreibt einen ‘Welt-Roman’, also ‘Welt-Literatur’.

©Peter Cremer

Aufbau Verlag, 2019

ISBN: 978-3351037628

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