Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Ein neuer Balzac? Ein genialer Kolportagemix? Die Farben des Feuers heißt der soeben erschienene neue Roman von Pierre Lemaitre.

Landesweite Steuerrevolten finden statt im Frankreich der 30iger Jahre. Der große Sündenbock war die Steuer. Der große Feind der Staat. Mit einiger Sorge betrachtete die Regierung die Farben dieses Feuers, das sich immer weiter ausdehnte. (S.342) – Und mittendrin im Tumult: die Bankiersfamilie Péricourt. Ganz besonders Madeleine Péricourt, deren Rachefeldzug gegen die Verantwortlichen für den Zusammenbruch des Bankhauses im Zentrum des Romangeschehens steht. Das liest sich süffig und ist eminent spannend komponiert, ein politisch-historisch exakt ausgeleuchteter Gesellschaftsroman.

Zwei Schicksalsschläge treffen die naive Schwiegertochter des Patriarchen Marcel Péricourt: Der Tod des Bankiers und der tragische Unfall ihres Sohnes Paul am Tag des Begräbnisses. Zwar überlebt Paul den Fenstersturz aus dem zweiten Stock der Stadtvilla, doch der stark stotternde Junge wird auf immer gelähmt sein und an den Rollstuhl gefesselt. Ein Unfall? Ein Anschlag? Ein Mordversuch?

Die Männer um Madeleine meinen es nicht gut mit ihr: Gustave Joubert, der Prokurist der Bank, ihr Onkel, der Abgeordnete Charles Péricourt, der Hauslehrer (und gelegentliche Liebhaber) André Delcourt. Aber auch die Frauen sind undurchschaubar: Léonce, deren Absichten eindeutig auf Höheres abzielen als nur darauf, die Rolle der Hausdame bei den Péricourts zu spielen, Solange Gallinato, die gefeierte Sopranistin, deren Verhältnis zu Paul einen verhängnisvollen Verlauf nehmen wird, Hortense, die Frau des Abgeordneten Charles, der es partout nicht gelingen will, ihre beiden hässlichen Zwillingstöchter standesgemäß zu verheiraten. – Einflussreiche Politiker, Zeitungsmagnaten und ihre willfährigen Redakteure, Aktienspekulanten und allerlei andere Schurken und Halbwelt-Gesindel bevölkern den Roman. Dazu kommen noch zwielichtige Schweizer Bankangestellte, ja sogar die Führungsriege des deutschen Nationalsozialismus hat einen Kurzauftritt, SS-Trupps und undurchsichtige Nazischergen komplettieren das bunte Personal des Roman-Kaleidoskops.

Im Sumpf der Intrigen und des Misstrauens, der falschen Fährten, der Attentate und der Komplotts gibt es nur zwei integre (Neben-)Figuren: Vladi, die ausschließlich polnisch sprechende Betreuerin Pauls und den (ehemaligen) Arbeiter Dupré, der mit der Perfektion eines Schweizer Uhrwerks Madeleines mörderischem Spiel zum Erfolg verhilft.

Der Erzähler jagt die Leser in einer atemlosen Tour de Force durch das Geschehen, das Aufstieg und Fall von Banken und Industrieunternehmen, den Zusammenbruch von politischen Systemen und letztlich den Verfall aller Sitten und das Aufdecken ungeahnter menschlicher Abgründe schildert. Aufgeführt als wahre Comédie humaine mit bitterböser Pointe. Der Epilog des Romans, organisiert wie der Abspann eines opulenten Kostümfilms, in dem die Folgestationen im Leben des Protagonisten in kurzen Absätzen abgehandelt werden, erklärt ja nur, dass die Welt sich weiter drehen wird, die bitterböse Komödie ein nur scheinbares Ende gefunden hat, womit klar wird: Gar nichts wird sich jemals ändern, so sehr der Einzelne auch glaubt, den Lauf der Welt beeinflussen zu können. Mit pessimistischem Augenzwinkern hält uns der auktoriale Erzähler seinen Spiegel der Aufklärung vor Augen. Und so wird aus dem ganz traditionell erzählten Historiengemälde ein brisant gegenwärtiger Roman. Lesefutter, Kopfkino, Denkanstoß – vom Feinsten.

© Peter Cremer 

Klett-Cotta Verlag, 2019

ISBN: 978-3-608-96338-0

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