Birgit Vanderbeke: Alle, die vor uns da waren

Birgit Vanderbeke: Alle, die vor uns da waren

Ein neues Buch von Birgit Vanderbeke. Schmal, wie immer. 171 Seiten Fortsetzung ihres Großprojekts: Familiengeschichte(n) erzählen. Diesmal ist die Erzählerin mit ihrem Partner Gianni unterwegs. In Irland. Auf Achill Island. Dieser entlegenen kleinen irischen Insel im Atlantik, deren einzige Attraktion das Cottage Heinrich Bölls ist. In diesem Cottage verbringen die Erzählerin und ihr Begleiter einige Wochen außerhalb der Hauptsaison. Zu Hause steht eine Geburt ins Haus: Noahs Frau Claude erwartet ein Kind … und das während des Hausbaus, in finanziell prekärer Situation. Und auf Achill Island: kein Netz, kein W-Lan, kein Supermarkt, keine Taxis. Das Wetter: irisch durchwachsen. Die Menschen: freundlich und zugewandt. Aber unzuverlässig. Taxis werden bestellt, die nie kommen. (Wurden sie überhaupt bestellt?) Adressen von Lebensmittelgeschäften werden von liebenswürdigen Iren genannt. Aber wenn man dahin geht oder mit dem Fahrrad hinfährt, dann gibt es dort keine Lebensmittelgeschäfte. Von Pubs, die Essen anbieten, wird auch gesprochen. Aber die bieten gar kein Essen an. Und auch sonst nichts. Denn sie sind geschlossen. Nebensaison. Nichts los auf Achill Island. Nur blökende Schafe. Und die Erzählerin und Gianni. In Bölls Haus. Hungrig, ohne Internet, ohne Auto, nicht einmal Fahrräder gibt es genug.

Was für ein Glück, dass man wenigstens alle die trifft, die vor uns da waren! Heinrich Böll zum Beispiel (den keiner mehr liest), Gerhard Zwerenz (den erst recht keiner mehr liest)

und seine Frau Ingrid, Robert Havemann, Helga Novak, Fritz Bauer, ja sogar Biermann wird erwähnt. Der Vater, die Mutter, die Großmütter, die Kinder: alle da! – Und dass den Böll keiner mehr liest, das liegt wohl daran: “Wir vergessen heute schnell. Das hat mit der schwarzen Magie zu tun, die dafür sorgt, dass die Wirklichkeit vor unseren Augen verschwindet und zerrinnt, und mit der Wirklichkeit verschwindet das Erinnern an alle, die vor uns da waren und uns von der Wirklichkeit erzählen könnten. (S. 8) Der Böll hat sogar den Nobelpreis für Literatur bekommen, … All das scheint einem heute, als wäre es lang vorüber und vorbei, aber die Dinge sind nicht vorbei, nur weil man die Leute vergessen hat, die davon erzählt haben, und das, was sie erzählt haben, gilt natürlich noch immer, auch wenn es heute niemand mehr hören will.” (S. 17)

Also muss Vanderbekes Erzählerin berichten, von all dem, was so überhaupt nicht vorbei ist, von der Armut, der Politik, von den Verstorbenen aus der Familie, von Sohn Noah, von dessen Frau Claude, vom Regen, vom Krieg und von den Nazis, von Persilscheinen, von Dioxin und Agent Orange, von Guantánamo und vom Fisch, der aus Vietnam nach Irland eingeführt wird, davon, wie man den Böll fertig gemacht hat, indem er mal als Terroristen-Versteher verunglimpft wurde, mal als gutgläubiger rheinischer Katholik, der uns heute nichts mehr zu sagen hat, weshalb seine Bücher nicht mehr vorkommen, und auch noch davon, dass ein Tod (sei es durch Vergiftung, Ersticken oder sonstwas verursacht) nicht erstattet wird, nie, nicht im Frieden und nicht im Krieg. (S.149)

Ganz schön viel, was da erzählt werden muss, damit es nicht vergessen wird. Und das tut Birgit Vanderbeke in ihrer unnachahmlichen, stolpernden, langsam und nahezu lautlos im Kopf des Lesers explodierenden Prosa, deren Sätze scheinbar naiv und unfertig daherkommen, um sich dann nur umso nachhaltiger einzunisten in unserem Denken. – Was für eine wunderbare Hommage auf die, die vor uns waren, auf die, die nach uns kommen, auf alle die, die von weit her kommen und weit gehen müssen. Aber keine Angst, alle sind bei dir … so hat Böll es in seinem Gedicht für seine Enkelin Samay geschrieben. Und Birgit Vanderbeke schreibt einen prallvollen, lebensklugen, kurzen Roman als Variation auf Bölls Gedicht, uns zum Trost und zur Hoffnung. Denn eines ist sicher: All die Toten sind bei einem, damit sie einen behüten können. Gut: “Alle vielleicht nicht, aber erstaunlich viele dann doch. Aber das merkt man erst mit der Zeit.” (S.7) … “das ist gut zu wissen. Wir werden euch alle brauchen.” (S.169)

©Peter Cremer

Piper, 2019

ISBN: 9787-3-492-05744-8

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