Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

Soll ich ein Buch empfehlen, das sowieso schon in den Bestenlisten verzeichnet ist?

Die Antwort muss im Fall von „Kaffee und Zigaretten“ heißen: UNBEDINGT!

Da ist zunächst der nahezu makellose Stil des Juristen Ferdinand von Schirach zu rühmen: Kurze Sätze, einfache Sprache, klarer Aufbau, Reduktion als Prinzip. Da wird kaum eine Episode auserzählt, vielmehr wird angedeutet, was dann vom Leser zu Ende gedacht werden muss. Die Leichtigkeit, mit der von Schirach achtundvierzig kurze und kürzeste Geschichten erzählt, findet ihr Gegengewicht in der Schwere des zentralen Themas, das die Texte mit traumwandlerischer Sicherheit eint: Sterben und Tod.

Ein Haiku des Mönchs Ryokan, der in der Mitte des Buches zitiert wird, illustriert augenfällig die Schreibkunst des Juristen und Weltenwanderers Ferdinand von Schirach: „Mal zeigt es die Rückseite, / mal die Vorderseite, / ein Ahornblatt im Fallen.“ (S. 80) „Die japanischen Kurzgedichte seien so unmittelbar wie Musik, jeder Mensch würde sie sofort verstehen“ (S.80), sagt die junge Musikstudentin Ayumi, ehe ein Hirntumor bei ihr diagnostiziert wird, der sie ‚aus der Zeit fallen lassen wird. Dass sich am Ende alles auflöse, das sei immerhin ein Anfang‘. Von Schirach versteht es, das Schwere leicht zu sagen und dabei immer auf Anhieb verstanden zu werden.

Er ist zudem ein belesener Autor. Immer wieder zitiert er berühmte Schriftsteller, von Blaise Pascal über Italo Svevo und Albert Camus bis Thomas Bernhard, Erich Kästner, Stefan Zweig und Heinrich von Kleist. Besonders Kleist scheint ein Lehrmeister für von Schirachs Kunst zu sein.

Biographische Notizen, Anekdoten, Zitate aus Gerichtsakten und großen Werken der Weltliteratur – von Schirach fügt all dies zusammen zu einem ureigenen Mosaik von gnadenlos makelloser Schönheit.

Das ist zuweilen sehr lustig (über den immer rauchenden Helmut Schmidt), hintergründig entlarvend (über die Terroristen-Verteidiger Ströbele, Mahler und Schily) und einmal sogar geradezu hymnisch verehrend (über den Filmemacher Michael Haneke) erzählt.

Was ist der Mensch, wie lebt er, welche Verfehlungen begeht er, wie stirbt er, was ist Schuld, was Würde, was Sühne, was Recht? Die grandios erzählte Sammlung „Kaffee und Zigaretten“ beantwortet nicht nur all diese Fragen. – von Schirach gelingen außerdem immer wieder Sätze, in denen man wohnen möchte: „Glück ist eine Farbe und immer nur ein Moment“. (S. 187)

©Peter Cremer

Luchterhand Literaturverlag, 2019

ISBN: 978-3-630-87610-8

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