Philipp Lyonel Russell: Am Ende ein Blick aufs Meer; Simon Beckett: Die ewigen Toten; Willy Vlautin: Ein feiner Typ

Drei Romane, von denen man umbedingt einen gelesen haben sollte...

Drei Romane, von denen man unbedingt einen gelesen haben sollte …

Natürlich war ich mehr als gespannt auf den von Christoph Hein „übersetzten“ Roman eines gewissen Philipp Lyonel Russell: „Am Ende ein Blick aufs Meer“ (Insel Verlag). Hatte mir doch mein Buchhändler den Hinweis gegeben: Hein hat den Roman unter Pseudonym selbst verfasst. Ein literarisches Spiel? Eine Fingerübung? Ein Scherz? – Nun, nach der Lektüre muss ich -ein wenig ratlos- sagen, sie hat nicht wirklich Spaß gemacht. Hein, der Chronist der DDR-Geschichte und der Auswirkungen der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten, hat einen belanglosen Unterhaltungsroman geschrieben, der das Leben eines britischen Unterhaltungsschriftstellers zum Gegenstand hat. Wozu macht er das? Ich weiß es nicht. Und Hein selbst dementiert aufs Heftigste, dass er der Autor sei. Lothar Müller zitiert ihn am 02.04.2019 in der Süddeutschen Zeitung so: „Er schrieb, “dass ich der eigentliche Autor sei, klingt schmeichelhaft” – dementierte aber heftig und fügte hinzu: “Aber Dank für das Kompliment.” (Quelle: https://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-und-recherche-ein-werk-sucht-seinen-autor-1.4393203/) – Decken wir den Mantel des Schweigens über den Roman und sagen kurz und bündig: Schwamm drüber.

Aber dann ist da ja noch der neue Hunter-Roman von Simon Beckett („Die ewigen Toten“, Wunderlich Verlag). Große Vorfreude bei mir, dem dreifachen Serien-Freund. Denn neben den Hunter-Romanen muss ich auch alle Montalbano-Romane Camilleris und die Adamsberg-Romane von Fred Vargas lesen. Ein ausführlicher Bericht und großes Lob vorab für Beckett in der 3-sat-Kulturzeit mehrten meine hohen Erwartungen. Das Cover ist genial (wie immer) und die Story startet temporeich: Eine mumifizierte Frauenleiche wird in einer leerstehenden Londoner Klinik gefunden, deren Abbruch kurz bevorsteht. Dann entdeckt man zwei weitere Leichen hinter einer offensichtlich erst kürzlich hochgezogenen Mauer im Inneren des verwinkelten Gebäudes. Die weisen Brandmale am ganzen Körper auf. Gleich mehrere forensische Anthropologen werden mit der Klärung der Fälle beauftragt. Eine schwangere Polizistin ermittelt. Und auch das erste Opfer war offensichtlich schwanger. Dazu dann noch: ein dunkler Park, Drogengeschäfte, Hunters unbewältigtes Trauma (nur knapp hat er einen Mordversuch überlebt), ein cholerischer Bauunternehmer, eine undurchsichtige, äußerst unfreundliche Mutter, die jedoch scheinbar völlig selbstlos ihren Sohn pflegt, Hunters Freundin, die eines Jobs wegen London verlassen muss … und noch viele Handlungsfäden mehr mit entsprechendem Personal werden in „Die ewigen Toten“ miteinander verwoben … viel Zeug … das zieht sich, das wiederholt sich, das kommt nicht auf den Punkt, das ist zu ausgedacht und deshalb wenig überzeugend. Psycho-, Liebes-, Sozial- und Forensik-Drama. Beckett will zu viel und scheitert krachend. – Ob ich den nächsten Hunter-Roman wieder versuchen werde? – In jedem Fall!

Doch da gibt es ja auch noch den neuen Roman von Willy Vlautin („Ein feiner Typ“, Berlin Verlag). Eine erfundene Boxer-Biografie. Interessiert mich so etwas? Überhaupt nicht! Doch der Autor heißt Willy Vlautin. Und der hat bisher schon vier grandiose Romane veröffentlicht. Einer besser als der andere. Und jetzt also eine Boxer-Geschichte. Horace heißt der Protagonist. Und der arbeitet auf der Reese-Farm als „Mann für alles“. Mr. Reese, mittlerweile schon über siebzig Jahre alt und von ständigen Rückenschmerzen geplagt, plant sogar, Horace die Farm zu übergeben, da der inzwischen wie ein Sohn für ihn geworden ist. Doch Horace hat andere Pläne, er muss sich beweisen und will

deshalb Preisboxer werden. Wie das Leben beiden mitspielt, dem zunehmend vereinsamenden Reese auf der Farm in Nevada, dem geschundenen Halbblut Horace bei seiner Initiation in die Welt des Geschäfts mit dem Kampfsport, das ist die Geschichte, die Vlautin in seiner gewohnt lakonischen und gänzlich unspektakulären Sprache erzählt. Das Porträt amerikanischer Landschaft, die Geschichte einer Freundschaft, eine Erzählung über unterschiedliche Lebensentwürfe – Vlautin, der Autor, der zugleich Songschreiber und Musiker ist, könnte bei John Steinbeck und Cormac McCarthy in die Lehre gegangen sein. Er hat ein herzzerreißend ehrliches und menschliches Buch geschrieben. Und ob man sich fürs Boxen interessiert oder nicht, das ist völlig unwichtig. Wer großartige Literatur lesen möchte, der ist bei Willy Vlautin genau richtig!

©Peter Cremer

Berlin Verlag, 2019

ISBN: 978-3-8270-1378-1

Insel Verlag, 2019

ISBN: 978-3-458-17784-5

Wunderlich Verlag, 2019

ISBN: 978-3-8052-5002-3

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